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Marktwirtschaft auf dem Stromsektor

variabler Tarif

 

Wer aufmerksam durch das Land fährt, sieht bei Sonnenschein und windigem Wetter, dass viele Windräder still stehen. Das liegt nicht daran, dass die Anlagen defekt sind, sondern sie wurden abgeschaltet.

Wer darüber nachdenkt, fragt sich nun: „Warum wird dieser überschüssige Strom nicht billig angeboten, statt ihn „vergammeln“ zu lassen?“ Jedes Schulkind kennt ja bereits das marktwirtschaftliche Prinzip, dass bei Überangebot die Preise fallen, damit die Nachfrage steigt.

Bei älteren Menschen, die in der DDR gelebt haben, kommt nun folgender Verdacht auf: „Gab es bei den Beitrittsverhandlungen vor reichlich 25 Jahren ein Geheimabkommen, bei dem man allen leitenden Kadern der staatlichen Plankommission der DDR wichtige Managerposten im Energiesektor des vereinten Deutschlands zugesichert hat?“  

Auch wenn es diesen Eindruck gibt, die Ursache ist offensichtlich etwas anderes.

Die etablierten Energieversorger haben kein Interesse daran, dass marktwirtschaftliche Regelungen gelten zwischen Endverbrauchern, Kleinerzeugern und Energieversorgern. Das hätte nämlich folgende Auswirkungen:

  • Den Energieversorgern entstünde eine gleichberechtigte Konkurrenz durch Kleinerzeuger und kommunale Energiegemeinschaften.
  • Die Behauptung der Unverzichtbarkeit von konventionellen Kraftwerken (auf Basis fossiler Brennstoffe) würde widerlegt.
  • Die These der Notwendigkeit eines massiven Netzausbaus für das Gelingen der Energiewende könnte nicht mehr aufrechterhalten werden. Damit entfällt eine Möglichkeit, zur Erhöhung des Anlagenvermögens (Stromtrassen) auf Kosten der Endverbraucher. ().
  • Die noch vorhandene Oligopol-Stellung der Energieversorger geht verloren und damit
  • entfällt die Möglichkeit, durch stetige Preissteigerung ihre bisherige uneffektiv und verletzbar gewordene Struktur beizubehalten.
  • Die Akzeptanz der Energiewende würde sich durch sinkende Strompreise erhöhen und damit
  • zerschlägt sich die Hoffnung der Energieversorger auf einen Ausstieg aus dem Atomausstieg.

Aus diesen Gründen sind die Energieversorger ihrer seit über 5 Jahren bestehenden gesetzlichen [§40 EnWG] Verpflichtung, einen variablen Strom-Tarif anzubieten, nicht nachgekommen. Dabei ist ihnen ein „genialer“ Schachzug gelungen. Sie haben einen teuren und ungeeigneten „intelligenten Stromzähler“ (Smart Meter), der eigentlich Voraussetzung für einen variablen Tarif ist, entwickeln lassen. Mit ihm lässt sich begründen, warum man aus Kostengründen „im Interesse der Stromkunden“ der Verpflichtung noch nicht nachgekommen ist. (Anmerkung: In einem weiteren Artikel wird auf die Problematik „intelligenter Zähler“ eingegangen.)

Zur weiteren Erläuterung zum Thema Marktwirtschaft auf dem Stromsektor.

 

Folgende Prinzipien kennzeichnen die Marktwirtschaft und sichern ihre Vorteile:

 

I.Angebot und Nachfrage regeln den Preis,

II.der Verursacher bezahlt die Kosten (Verursacherprinzip) und

III.Chancengleichheit der Marktteilnehmer (fairer Wettbewerb).

Das Prinzip I. wird durch einen variablen Tarif umgesetzt.

 

Als Gegenargument wird dabei häufig genannt: „In einem üblichen Haushalt bestehen gar nicht die ausreichenden Möglichkeiten, auf ein sich verändertes Angebot durch Änderung des Verbrauches zu reagieren. Der Mehraufwand durch einen intelligenten Zähler steht in keiner Relation zur erzielbaren Einsparung.“ Dem soll zunächst nicht widersprochen werden. Lediglich, wenn argumentiert wird: „Ein Bewohner eines Miethauses kann doch nicht zu Mitternacht seine Waschmaschine anstellen, um billigen Nachtstrom zu nutzen.“ ist ein sofortiger Widerspruch notwendig. Billiger Nachtstrom gehört der Vergangenheit an! Durch Photovoltaik gibt es zur Mittagszeit Überschüsse. Und zu dieser Zeit kann man die Waschmaschine anschalten, ohne die Nachbarn unzulässig zu stören. Das käme auch sozial schwachen Menschen zugute.

An dem Beispiel des Nachtstromes lässt sich jedoch leicht zeigen, wie Gedankenlosigkeit von Gegnern der Energiewende zur Argumentation ausgenutzt wird.

Während man den Effekt eines variablen Tarifes bei einem Haushalt als gering einschätzen kann, trifft dies für die Industrie und das Gewerbe nicht zu.

Sobald ein ausreichender materieller Anreiz für die Anpassung des Verbrauches an das Angebot besteht, wird der unendlich große Erfindungsreichtum des Menschen angespornt. Bei einem konstanten Preis dagegen nicht.

Nachfolgend soll das an einigen Beispielen erläutert werden.

 

Beispiele:

  1. Wasserwerke schalten ihre Pumpen zu Zeiten der Rushhour ein, wenn nicht nur der Strom- sondern auch der Wasserverbrauch Spitzenwerte einnimmt. Dabei gibt es die Technologie der Wassertürme, die den Druck im Rohrleitungsnetz während der Spitzenzeiten ohne den Betrieb der Pumpen aufrechterhalten könnten. Außerdem könnten sie die Versorgungssicherheit bei einem Netzausfall (Blackout) entscheidend verbessern. Und nicht zuletzt könnten sie als Mini-Pumpspeicherwerke genutzt werden. Dabei wird ständig (zu Unrecht) argumentiert: „Pumpspeicherwerke sind derzeit die einzige geeignete Technologie zur Speicherung von Strom.“ Trotzdem werden die als Baudenkmäler in jeder größeren Stadt vorhandenen Wassertürme für andere Zwecke genutzt.
  2. Kühlräume können auf „Vorrat“ Kälte speichern. Bei großen Lagerhallen wird das bereits genutzt. Ein kleines Fleischergeschäft mit einem Kühlraum könnte dies nutzen. Eine solche Möglichkeit wird jedoch einem kleinen Geschäft nicht geboten, genau wie einem „normalen“ Haushalt mit Kühlschrank oder Kühltruhe.
  3. Bei elektrisch betriebenen Brenn- oder Schmelzöfen kann der Heizbetrieb so gesteuert werden, dass das Angebot (der aktuelle Tarif) berücksichtigt wird. Bei einem konstanten Preis lohnt der geringfügige Mehrverbrauch an Strom nicht. Ebenso der Aufwand  für die Steuerung.
  4. Viele Handwerker und Betriebe benötigen Druckluft als Hilfsmittel. Wenn die Druckluftbehälter größer dimensioniert werden, können die Kompressoren so eingeschaltet werden, dass billiger Strom zum Auftanken der Druckbehälter genutzt wird. Findige Unternehmer werden sogar über Druckluft  zur reversiblen Energiespeicherung nachdenken, wenn dafür ein Anreiz bestehen würde.
  5. Das Arbeitszeitregime lässt sich in einem größerem Betrieb so gestalten, dass es an einen variablen Tarif angepasst wird.

 

Es lassen sich noch eine Vielzahl von Beispielen aufzählen und dem Erfindungsgeist zur Nutzung der Preisdifferenzen bei einem variablen Tarif sind keine Grenzen gesetzt.

Ein sehr wichtiger Aspekt eines variablen Tarifes muss noch erwähnt werden, die Verbesserung der Versorgungssicherheit. Die Menschen sind mehrheitlich egoistisch veranlagt. Diese Tatsache berücksichtigt eine marktwirtschaftlich orientierte Gesellschaftsordnung. Sie geht nicht von einem idealistischen Menschheitsbild aus, wie bei ideologisch oder religiös geprägten Systemen. Wenn also eine schwierige Versorgungssituation eintritt, z.B. durch Havarie einer Stromtrasse aufgrund von Schachtarbeiten, neigen die meisten Menschen zu Hamsterkäufen. Beim Strom kann dies z.B. im Anstellen der Waschmaschine „bevor es zum Blackout kommt“ führen. Mit einem variablen Tarif kann man in einer schwierigen Situation den Preis deutlich (und zeitlich begrenzt) erhöhen. Das führt dazu, dass die größten Egoisten sich „vernünftig“ verhalten und durch Einschränkung des Verbrauches zur Stabilisierung der Situation beitragen. Ohne einen variablen Tarif würden sie bei einer schwierigen Situation den Zustand verschlechtern.

Ein sehr wichtiges Potential eines variablen Tarifes besteht darin, dass es Voraussetzung für eine dezentrale Stromspeicherung (in Batterien) ist. Das gilt nicht nur für Industrie und Gewerbe sondern auch für Haushalte. (Anmerkung: Es gibt geeignete Stromspeicher. In einem entsprechenden Artikel wird darauf eingegangen.)

So wie man sich mit preiswerter Saisonware eindeckt und sie „speichert“, wird man billigen Strom speichern und ihn zu Zeiten geringeren Angebots (eines höheren Preises) aus dem Speicher abrufen, um Kosten zu sparen. Voraussetzung ist lediglich eine ausreichende Spreizung des Tarifes. Ist die Spreizung gleich Null (konstanter Tarif) wird niemand in eine noch so günstige Speicherlösung investieren.

Folgende weitere Effekte werden durch (dezentrale) Speicher erreicht:

 

  1. Das Problem der Volatilität erneuerbarer Energiegewinnung wird entschärft.
  2. Das öffentliche Netz wird entlastet.
  3. Spitzenbelastungen des öffentlichen Netzes können verhindert werden. ()
  4. Die Investitionen werden privat finanziert (aus der Kosteneinsparung durch einen variablen Tarif). Die Erhöhung der Stromkosten durch eine weitere Umlage zur „Finanzierung der erforderlichen Reserve- und Speicherkapazität“ entfällt. Das Prinzip, dass die Allgemeinheit das private Anlagevermögen der Energieversorger erhöht, kann nicht angewandt werden.
  5. Eine Notstromversorgung der wichtigsten Geräte (z.B. Heizungssteuerung im Winter, Kühlschränke im Sommer) kann gewährleistet werden.
  6. Eine unterbrechungsfreie Stromversorgung empfindlicher Geräte wie Computer, Kommunikationsgeräte und Alarmanlagen kann realisiert werden.

 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass private Haushalte sehr wohl von einem variablen Tarif profitieren. Dies kann allein schon darin bestehen, dass die Strompreise nicht weiter ansteigen können und die Versorgungssicherheit erhöht wird.

Die Aussage „ein variabler Tarif bringt für Haushalte keine ausreichende Effekte“ ist somit unzutreffend.